Bücher

Texte

Auf Papier und online: Geschichten von weit weg, aber immer nah dran.

Zuerst schweigen die Vögel. Dann kreischen die Sirenen, Füße trampeln, große und kleine, schneller und schneller, bis die Stahltür ins Schloss fällt und diejenigen, die zu spät sind, der Hölle preisgibt. Einen Moment lang hängt nur das Keuchen der Menschen in der Luft. Dann bebt die Erde, ein Grollen, Rumpeln und Klirren fährt durch Wände und Körper. Mauern bröckeln, Menschen brüllen, schreien, kreischen, schweigen.

Nach der Hölle kommt die Stille. Und erst als die Stille im Luftschutzbunker so lange andauert, dass die Erwachsenen sich wieder regen, streckt auch Harald den Kopf unter dem Rock seiner Mutter hervor. Harald ist sechs Jahre alt. Er hat schon Leichenteile gesehen, Panikschreie gehört und Todesangst gespürt. Lange bevor er lesen und schreiben lernte. Aber er lebt. Harald Hinsch hat die Bombenangriffe in Hamburg überlebt, auch jene Nacht des Feuersturms, als in den ersten Stunden des 28. Juli 1943, ein Mittwoch, 739 britische Bomber über 100000 Brandsätze über der Stadt abwarfen und mehr als 35000 Menschen töteten. Hinsch hat überlebt, aber nicht vergessen.

Er sitzt bei Kaffee und Kuchen in seinem Wohnzimmer am Rande eines Hamburger Villenviertels. Auf einem Schränkchen hinter dem Esstisch stehen Bücher mit Titeln wie „Trümmerkind“ und „Nachkriegskinder“. Hinsch erzählt von der Angst und den Albträumen, die ihn auch heute noch quälen – ein Dreivierteljahrhundert später. Er hat Besuch von seinem Sohn Olaf, 59 Jahre alt, dem zweiten seiner fünf Kinder, und von Simon-André, 27 Jahre alt, einem seiner zwölf Enkel. Sie kennen diese Geschichten. Sie haben sie schon so oft gehört. Und sie haben entdeckt, dass der Krieg nicht nur im Leben des Großvaters Spuren hinterlassen hat, sondern auch in ihrem. Weil sich das, was Harald Hinsch erlebt hat, nicht nur in sein Gedächtnis eingebrannt hat. Sondern womöglich auch in sein Erbgut.

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Wenn Eva schläft oder erschrickt, hört sie auf zu atmen. Ihr Leben ist immer in Gefahr. Die Geschichte einer Familie im Ausnahmezustand.

Kurz nach der Geburt, als sie gerade erfahren hatten, was mit Eva nicht stimmt, saß die Mutter an Evas Bett, betrachtete den winzigen Menschen und den dicken Schlauch der Beatmungsmaschine und dachte: wie Frankenstein. Ein Körper, der durch eine Maschine zum Leben erweckt wird.

Dabei schlug in dem kleinen Körper ein gesundes Herz, neue Synapsen bildeten sich im Gehirn, Eva strampelte mit den Beinchen, wenn sie wach war. Nur ihre Atmung, die ging nicht mehr, sobald Eva schlief. Und so ein Baby schläft viel.

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Ingrid Bohsung war 1945 acht Jahre alt. Wer nach dem Krieg ein Haus besaß, musste Flüchtlinge aufnehmen. „Ich habe bis heute ein schlechtes Gewissen, wenn bei uns ein Zimmer nicht bewohnt wird“, sagt die 78-Jährige, die fünf Kinder, 17 Enkel und zwei Urenkel hat. Und deshalb lebt in diesem eigentlich unbewohnten Zimmer jetzt Pele. Anfangs hätten die Nachbarn komisch geguckt. „Sie nehmen’s halt hin“, sagt ihr Mann Johannes, ein pensionierter Allgemeinmediziner. „Die Bohsungs, die spinnen eben“, sagt seine Frau und lacht.

Rentner und Familien, WGs und Einzelpersonen nehmen inzwischen Flüchtlinge bei sich. Verschiedene Kulturen, Sprachen und Geschichten unter einem Dach – wie funktioniert das? Für den stern habe ich fünf Flüchtlings-WGs besucht – erschienen am 30. Juli 2015

Zuerst schiebt der Arzt drei Röhrchen, dünn wie Strohhalme, in den Leib der Schwangeren, durch Haut, Muskeln und Gebärmutterwand. Dann führt er eine Kamera durch eines der drei Röhrchen. Ein Monitor zeigt Flüssigkeit in schummrig-rotem Licht, den Fötus im Narkoseschlaf. Durch die beiden anderen Röhrchen schiebt er die drei Millimeter dünnen Zangen, mit denen er nun Nadel und Faden führt.

Auf diese Weise will Thomas Kohl einen Flicken aus Kollagenfasern über die Wirbelsäule des ungeborenen Mädchens nähen, Diagnose: Spina bifida – offener Rücken.

Gelingt die Operation, wird das Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit gehen können. Der EKG-Monitor piept im Takt des mütterlichen Herzschlags, das Beatmungsgerät keucht. Sonst ist kaum ein Laut zu hören.

Viereinhalb Stunden lang Präzisionsarbeit.

Am gleichen Abend steht ein junger Mann mit Pluderhose und Fes auf der Bühne der Neuen Flora, eines der größten Theater in Hamburg. Als Aladdin wirbelt er mit blitzendem Grinsen über die hölzernen Dächer von Agrabah, er taumelt durch die Höhle der Wunder und schwebt auf einem Teppich und mit verzaubertem Blick vor einer Kulisse aus LED-Sternen.

Zweieinhalb Stunden dauert Philipp Büttners Auftritt. Zweieinhalb Stunden lang pumpt das Adrenalin durch seine Adern. Die Sehnen und Muskeln sind gespannt, der Kopf ist hellwach.

Etwa zur gleichen Zeit, auf der anderen Seite des Atlantiks, sitzt der Informatikprofessor Cal Newport in seinem Haus in Maryland am Schreibtisch und feilt an der Formulierung für einen wissenschaftlichen Artikel. Ob vor seinem Fenster Autos vorbeifahren, das Telefon klingelt oder seine Frau mit dem Baby nach Hause kommt – in diesen Morgenstunden gibt es für Cal Newport nur seinen Laptop und die Ideen in seinem Kopf.

So unterschiedlich Philipp Büttner, Thomas Kohl und Cal Newport auch erscheinen mögen, zwei Dinge haben sie gemeinsam: Alle drei richten ihre gesamte Aufmerksamkeit auf diese eine Tätigkeit. Es zählt allein die Aufgabe, die vor ihnen liegt – die Naht am Rücken des Fötus, der nächste Schritt auf der Bühne, die Worte auf der weißen Bildschirmoberfläche.

Und alle drei haben bereits ein Ziel ihres Lebens erreicht, auf das sie jahrzehntelang hingearbeitet haben. Alle drei sind Meister einer Fähigkeit, die uns allen innewohnt, die aber viele Menschen in unserer Welt voller Ablenkungen verlernt haben. Sie vermögen es, sich in tiefe Konzentration zu versenken. Und optimieren damit eine der wichtigsten Ressourcen unserer Zeit: Aufmerksamkeit.

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Als im Mai 2016 ein ägyptisches Flugzeug auf dem Weg von Paris nach Kairo abstürzt, setzt Mohamed El Attar sein breites Grinsen auf, lehnt sich auf der Veranda seiner Tauchschule in einen Korbsessel und meint nur: „Das müssen wir jetzt wieder ausbaden.“

Ein Jahr später sitzt er noch immer fast täglich auf dieser Veranda, in diesem Sessel, spielt auf seinem Handy und wartet auf Kundschaft. Hinter dem Haus ragen Palmen in den wolkenlosen Himmel, 50 Meter entfernt schwappt das Rote Meer ans Ufer. Die Promenade dazwischen, die Hotelpools und Strandliegen: fast menschenleer.

Dahab im Sinai mit seinen Korallen, Stränden und 360 Sonnentagen im Jahr ist eigentlich das, was man ein Urlaubsparadies nennt. Allein die Urlauber fehlen.

Er ist überall. Und wer ihm entrinnen will, muss schon auf alles verzichten, was unser Mahlzeiten von Frühstück bis Mitternachtssnack so köstlich macht: Schokolade natürlich, Karottenkuchen und Johannisbeergelee. Der meiste Zucker aber ist gut versteckt: Tomatensauce, Wurstaufschnitt, Sushi, saure Gurken, Senf. Es wäre einfacher zu sagen, welchen Lebensmitteln kein Zucker zugesetzt ist.

Auf diversen Internetseiten wird zur 30-Tage-Challenge aufgerufen. Die Motivation: Abnehmen, konzentrierter, fitter, gesünder werden, sogar länger leben. Die Aufgabe: Einen Monat lang auf jeden zugesetzten Zucker verzichten, auf herkömmlichen Haushaltszucker, künstliche und natürliche Süßstoffe.

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